Am 27. Januar 2026 war ich in Düsseldorf bei der Konferenz „Wohlstand für alle? 80 Jahre Soziale Marktwirtschaft“ der Denkfabrik R21 zu Gast. Ich habe mich über die Einladung gefreut – schon allein deshalb, weil die Soziale Marktwirtschaft zu den großen politischen Errungenschaften der Bundesrepublik gehört und wir allen Anlass haben, ihre Zukunftsfähigkeit neu zu vermessen.
Die Tagung war dramaturgisch klar gebaut: Nach der Eröffnung durch Andreas Rödder folgte eine Rede von Linda Teuteberg zur „Sozialen Marktwirtschaft als Ordnung der Freiheit“. In vielem habe ich ihre Grunddiagnose geteilt: Deutschland macht es Unternehmerinnen und Unternehmern oft unnötig schwer, wir riskieren in Teilen Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft – und die politische Debatte muss wieder stärker über Rahmenbedingungen, Tempo, Planungssicherheit und die produktive Seite von Freiheit sprechen.










Ich selbst war im Panel 2 „Markt und Moral: Wie nachhaltig und gerecht ist unsere Wirtschaftsordnung?“ eingeladen. Auf dem Podium saßen Dieter Janecek und Kristina Schröder; Markus Kerber konnte krankheitsbedingt nicht teilnehmen. Dass dieses Panel thematisch sehr breit wurde, war spürbar: Es ging gleichzeitig um Wettbewerbsfähigkeit, Regulierung, gesellschaftliche Erwartungshaltungen, Energiefragen und das diffuse Verhältnis von Moral, Staat und Markt. In solchen Formaten ist das nachvollziehbar – zugleich droht dann manchmal der Kern zu verschwimmen: Was genau ist eigentlich das „Soziale“ an der Sozialen Marktwirtschaft? Und was muss eine freiheitliche Wirtschaftsordnung leisten, damit sie nicht nur effizient, sondern auch gerecht bleibt?
Ein Punkt war mir in der Diskussion besonders wichtig – auch wenn er nicht überall auf Zustimmung gestoßen ist: Die letzten 15–20 Jahre praktischer Erfahrung im Nachhaltigkeitsmanagement zeigen, dass es nicht ausreicht, Unternehmen „einfach machen zu lassen“ und darauf zu hoffen, dass Verantwortung automatisch folgt. Viele Unternehmen haben sehr ernsthaft umgebaut, gelernt und investiert. Aber es gab eben auch nicht wenige Fälle, in denen man – solange es bequem war – Verantwortung eher als PR, als Compliance oder als lästige Bürokratie betrachtet hat. Das ist kein „Anti-Unternehmen“-Vorwurf, sondern eine nüchterne Beobachtung über Anreizstrukturen, Kultur, Führung und institutionelle Routinen.
Damit bin ich bei dem Punkt, den die katholische Soziallehre (und im Kern auch ordnungspolitisches Denken) stark macht: Marktwirtschaft ist ein kraftvolles Instrument der Freiheit, der Innovation und der dezentralen Problemlösung – aber sie ist kein moralischer Automat. Sie braucht eine Spielordnung, die Freiheit schützt, Macht begrenzt, Verantwortung ermöglicht und die Schutzbedürftigen nicht aus dem Blick verliert. Das ist keine Einladung zum kleinteiligen Dirigismus. Im Gegenteil: Eine gute Ordnung ist gerade dadurch „freiheitsfähig“, dass sie klare Leitplanken setzt, institutionelle Verantwortung stärkt und die Meso-Ebene ernst nimmt – also jene Ebene aus Unternehmen, Branchenstandards, Sozialpartnerschaft, Bildung, Finanzierung und Governance, in der Gerechtigkeit im Alltag tatsächlich produziert wird.
Auch das vorangegangene Panel zu den Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft („Zwischen Ordoliberalismus und christlicher Soziallehre“) hat diese Grundspannung sichtbar gemacht. Dort war ebenfalls eine sehr marktwirtschaftlich zugespitzte Position im Raum – intellektuell konsequent, aber aus meiner Sicht nicht repräsentativ für die Breite dessen, was christliche Sozialethik und praktische Erfahrung zusammen nahelegen: dass Freiheit ohne tragende soziale und institutionelle Voraussetzungen erodiert und damit am Ende auch ökonomisch schwächer wird.
Mein persönliches Fazit aus Düsseldorf ist deshalb versöhnlich, aber klar: Wir sollten die Soziale Marktwirtschaft heute nicht gegen Nachhaltigkeit oder gegen Gerechtigkeit ausspielen – sondern als lernfähige Ordnung verteidigen, die beides integrieren kann. Dafür braucht es weniger moralische Selbstvergewisserung (auf allen Seiten) und mehr Selbstkritik und Präzision bei den Instrumenten: Welche Regeln sind wirklich nötig? Welche sind überkomplex? Wo müssen Unternehmen selbst ernsthaft nachrüsten – in Führung, Kultur, Daten, Qualifizierung, fairen Verfahren? Und wo muss Politik Rahmen schaffen, die Verantwortung belohnen, statt sie entweder zu überfordern oder dem Zufall zu überlassen?
Zum Abschluss der Tagung stand noch das Panel „Skalpell oder Kettensäge: Welche Reformen braucht der Wirtschaftsstandort Deutschland?“ sowie das Schlusswort von Kristina Schröder. Auch hier war der Grundton deutlich: Reformdruck ist real – und die Debatte wird nur dann produktiv, wenn sie nicht in Lagerlogik abgleitet, sondern die Voraussetzungen von Wohlstand, Freiheit und sozialem Frieden gemeinsam denkt.

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