In Brüssel wird aufgeräumt – aber nicht im besten Sinne.
Mit dem sogenannten Omnibus-Paket haben sich Rat und Parlament darauf geeinigt, die Schwellenwerte für CSRD-Berichtspflichten und die Sorgfaltspflichten nach CSDDD massiv anzuheben. Künftig reden wir nur noch über Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitenden und 450 Mio. Euro Umsatz, bei der Sorgfaltspflicht sogar ab 5.000 Mitarbeitenden und 1,5 Mrd. Euro Umsatz. In den Pressemitteilungen klingt das nach „Entlastung“, nach „Vereinfachung“ und „Wettbewerbsfähigkeit“.
Schaut man genauer hin, bleibt vor allem eines zurück: ein ziemlich verbeultes Thema Nachhaltigkeit.
In den vergangenen drei Jahren ist ein Berichtssystem aufgebaut worden, das zugleich zu viel und zu wenig wollte: zu viel, weil die ursprünglichen ESRS-Standards handwerklich schwach waren, voller Redundanzen, Unklarheiten und Detailanforderungen, die Unternehmen mit hunderten KPIs überzogen hätten. Zu wenig, weil diese Überfrachtung die eigentliche Sinnfrage nie überzeugend beantwortet hat: Wozu das alles – außer um ein Häkchen im Compliance-System zu setzen?
In vielen Unternehmen hat das enorme Ressourcen gefressen. Teams haben Frameworks entwickelt, Softwareplattformen gebaut, Daten gesammelt, Prozesse umgebaut – häufig ohne dass klar war, wie all diese Zahlen die strategische Ausrichtung und das operative Ergebnis am Ende wirklich verbessern sollen. Für eine tragfähige Nachhaltigkeitsstrategie bräuchte es eben nicht nur (wenige) gute Kennzahlen, die ins Geschäftsmodell greifen und erst recht nicht eine mehrhundertseitige Berichtsmaschine. Sondern Systeme, die den Großteil der Energie für die Transformation von Produkten, Geschäftsmodellen und Lieferketten vorsehen. Stattdessen wurde Energie in das Abarbeiten eines schlecht gebauten Korsetts gesteckt.
Dann kam der Rückwärtsgang. Die Rolle rückwärts seit Ende 2024 – Straffung der ESRS, Anhebung der Schwellenwerte, Entschärfung der Sorgfaltspflichten – war inhaltlich in manchem Punkt vernünftig. Aber kommunikativ ist sie ein Desaster. Denn in den Unternehmen stehen jetzt genau diejenigen im Gegenwind, die das Thema ernst genommen haben. Sie hören Spott von denjenigen, die immer gesagt haben: „Das setzt sich nie durch. Wartet ab, Brüssel rudert schon zurück.“
Mit der politischen Korrektur ist nicht nur Glaubwürdigkeit in Brüssel und Berlin verloren gegangen. Auch diejenigen, die intern für Nachhaltigkeit einstehen, haben einen Teil ihrer Argumentationsbasis eingebüßt. Wie soll man nach Jahren des Aufbaus erklären, warum Ressourcen nun wieder umgeschichtet werden, warum Unsicherheit herrscht, ob welche Pflichten wann und wie kommen? Die Anschlussfragen liegen auf der Hand: Was passiert mit der deutschen Umsetzung der CSRD? Was ist mit der EUDR, die erneut verschoben wird? Wird das Ganze irgendwann einfach leise beerdigt?
Das Ergebnis: Nachhaltigkeit hat eine ordentliche Delle. Und sie ist nicht nur kommunikativ, sondern kulturell.
Wenn Nachhaltigkeit drei Jahre lang als bürokratisches Monster durchs Dorf getrieben wird, darf man sich nicht wundern, wenn viele Mitarbeitende beim Thema inzwischen innerlich abwinken. Aus einem Transformationsprojekt ist eine Compliance-Chiffre geworden. Aus einem Zukunftsthema wurde ein weiteres Regulierungsfeld, das man „irgendwie erledigen“ muss – bis die nächste politische Wendung kommt.
Genau hier beginnt für mich die eigentliche Diskussion und die ist eigentlich auch nicht neu – in den inzwischen beinahe 20 Jahren in dem Thema ist mir dieses Dilemma immer wieder begegnet.
Denn kein Gesetz der Welt kann Nachhaltigkeit zu dem machen, was sie im Kern sein muss: eine strategische, wertebasierte Aufgabe. Recht setzt Grenzen, schafft Mindeststandards, definiert rote Linien. Das ist wichtig, notwendig und im besten Fall hilfreich. Aber Recht erzeugt keine innere Haltung. Es ersetzt keine unternehmerische Verantwortung. Und es befreit niemanden von der Frage, wofür ein Unternehmen im Kern da ist und wie es seine Wertschöpfung so gestaltet, dass sie auch in zehn oder zwanzig Jahren noch trägt.
Wenn Nachhaltigkeit primär als Erfüllung von Berichtspflichten verstanden wird, ist sie schon verloren.
Ein Unternehmen, das seine Lieferkette nur deshalb anschaut, weil es einen „Due-Diligence-Haken“ braucht, verschenkt genau den Mehrwert, den ein gutes Lieferkettenmanagement haben könnte: Risikominimierung, Resilienz, bessere Beziehungen zu Partnern, eine stabilere Versorgung, neue Innovationschancen. Wenn Klimarisiken, Menschenrechte oder Biodiversität nur in Excel auftauchen, nicht aber im Geschäftsmodell, in der Produktentwicklung, in der Standortstrategie, dann ist das nicht Nachhaltigkeitsmanagement – das ist Verwaltungsroutine mit ESG-Etikett.
Hier liegt der eigentliche Schaden des ganzen Prozesses:
Nicht, dass Regeln vereinfacht und Schwellen angepasst wurden – darüber kann man sachlich streiten. Sondern, dass in der öffentlichen Wahrnehmung der Eindruck entstanden ist: „Nachhaltigkeit war überzogen, ideologisch, praxisfern – und jetzt wird der Spuk zum Glück zurückgefahren.“ Dieser Frame ist fatal. Er frisst sich in die Unternehmenskulturen, in die Köpfe derer, die ohnehin skeptisch waren. Und er ermutigt alle, die lieber im alten Modus weitermachen würden.
Als Christ und jemand, der mit der Soziallehre der Kirche arbeitet, sehe ich darin ein tieferes Problem.
Die katholische Soziallehre erinnert uns daran, dass Verantwortung nicht mit der Frage beginnt, was rechtlich gerade verlangt wird, sondern mit der Frage, was dem Menschen dient. Menschenwürde, Solidarität, Subsidiarität, Gerechtigkeit – das sind keine hübschen Ergänzungen für Sonntagsreden, sondern Leitlinien für unternehmerisches Handeln. Und sie gelten unabhängig davon, ob es eine CSRD, eine CS3D oder eine EUDR gibt.
Menschenwürde bedeutet: Ich darf nicht wegschauen, wenn entlang meiner Wertschöpfungskette Menschen unter prekären Bedingungen, ohne Arbeitsschutz oder unter Verletzung grundlegender Rechte arbeiten – auch dann nicht, wenn mich aktuell kein Paragraf dazu zwingt, genauer hinzusehen.
Solidarität bedeutet: Die Kosten ökologischer und sozialer Schäden nicht auf andere abzuwälzen – auf andere Länder, andere Generationen oder unsichtbare „Stakeholder“, die sich nicht wehren können.
Subsidiarität bedeutet: Verantwortung dort wahrzunehmen, wo ich tatsächlich Einfluss habe. Es reicht nicht, nach Brüssel zu zeigen und zu sagen: „Solange es keine klare Vorgabe gibt, können wir leider nichts tun.“ Unternehmen haben Handlungsspielräume, oft deutlich mehr, als sie zugeben.
Und Gerechtigkeit schließlich bedeutet, Verteilungskonflikte nicht zu romantisieren, sondern bewusst und fair auszuhandeln: Wer trägt welche Lasten, wer profitiert, wer wird systematisch ausgeschlossen?
Dass drei Jahre Regulierungs-Hickhack diese Fragen überlagert haben, ist tragisch.
Aber es muss nicht das letzte Wort sein. Die ökologische Realität wird dafür sorgen, dass das Thema zurückkehrt – Klimafolgen, Ressourcenknappheit, demographischer Wandel machen vor politischen Stimmungswechseln keinen Halt. Die Frage ist nur, in welcher Verfassung die Unternehmen dann sind: erschöpft von Berichtszyklen und Vertrauenserosion – oder gereift durch eine eigene, strategische Nachhaltigkeitsagenda, die über Compliance hinausgeht.
Vielleicht liegt genau hier die Chance in diesem Backlash.
Wenn der große Regulierungsanlauf sichtbar ins Schlingern geraten ist, könnte das ein Moment der Ehrlichkeit sein. Unternehmen können sich fragen: Was würden wir tun, wenn es all diese Richtlinien nicht gäbe – aus nüchterner unternehmerischer Vernunft und aus unserem eigenen Werteverständnis heraus? Welche Kennzahlen würden wir dann wirklich brauchen? Welche Lieferantenbeziehungen würden wir anders gestalten? Welche Produkte und Geschäftsmodelle würden wir bewusst umbauen oder aufgeben?
Nachhaltigkeit wird nur dann zu einem Zukunftsthema, wenn wir sie aus dem Schatten der Angst vor Sanktionen herausholen. Wenn sie verbunden wird mit der Frage nach der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit, der Resilienz von Geschäftsmodellen – und mit der schlichten Einsicht, dass Menschen, Umwelt und Märkte zusammengehören. Das ist weniger spektakulär als die großen Schlagzeilen über neue EU-Pakete. Aber es ist die stillere, tiefere Arbeit, die bleiben wird, wenn die nächste regulatorische Welle wieder kommt – und wieder abebbt.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem wir neu ansetzen sollten:
Weniger Aufgeregtheit um Schwellenwerte, mehr ruhige Klarheit darüber, wofür Unternehmen Verantwortung tragen. Recht kann uns daran erinnern. Aber es kann uns diese Verantwortung nicht abnehmen.
Und vor allem muss klar werden, was die Unternehmen am Ende davon haben, weshalb es auch wirtschaftlich klug ist und auch ein ehrlicher Blick darauf, was aber eben auch keinen Sinn macht. Das gilt für persönliche Nachhaltigkeit, wie die von Unternehmen und auch für die nationale und Eu-Weite Strategie. Hier hatten wir zuviel Ideologie, Sprech- und Denkverbote.
Auf ein Neues!
